Auszeit

Liebe Leser!

Vor zehn Jahren habe ich, mit intensiver technischer Unterstützung eines versierten Freundes, meine Internetseite eingerichtet und sichtbar gemacht. Die war in erster Linie und erst einmal dafür gedacht, dass Menschen, die bereits in irgendeiner Form mit meinen Texten in Berührung gekommen waren, im Internet noch weitere dieser Texte und ebenso Informationen über mich vorfinden konnten, sofern sie – und das würde ja zur Regel werden – darin danach suchen sollten.

Mehr und mehr reifte zudem die Idee, auf dieser Seite nach und nach alle meine Texte ein-, aus- und zur Verfügung zu stellen. Dies sollte zum einen durch eine Bibliothek (»Raumzeitlos«) des bereits Geschriebenen, zum anderen durch einen Blog (»Heute«) mit aktuellen Texten geschehen. Dass in ein tatsächliches Logbuch ja verbindlich und täglich das Heutige einzutragen ist, kitzelte mich als Anspruch, auch in meinen Blog jeden Tag etwas und eben etwas möglichst Tagesfrisches einzuschreiben. Wobei es mir nicht um eine »Leistungsschau« (für andere) ging, mir war es eine spielerische und kreative wortwörtliche »Herausforderung«, von der ich nicht wusste, wohin sie mich und was sie mit sich bringen würde.

Mir war durch Erfahrung bewusst, dass es äußert fruchtbare und kreative Phasen gab, in denen sich täglich mehrere Texte schrieben, aber ebenso auch Phasen, und die zuweilen über Wochen, in denen sich kaum etwas schrieb; und wenn, dann war es (noch) nicht »gut«, noch nicht ausgereift oder ausformuliert, und ich nicht in der Verfassung oder »Stimmung«, es in eine stimmige Fassung zu bringen, die ich hätte verantworten und vorzeigen mögen.

So gab es in diesen zehn Jahren Zeiten, in denen nicht alle Texte ihren Weg auf die Internetseite finden konnten, die sich in dieser Zeit geschrieben hatten und es wert gewesen wären, veröffentlicht zu werden. Andererseits gab es Zeiten, in denen mir die Texte ausgingen, weil sie sich aktuell gar nicht eingestellt hatten und sich auch im Fundus der vorangegangen Wochen nicht genügend fanden, die ich stattdessen hätte einsetzen können. Dann saß ich abends oft noch über Stunden, um aus den vorgefundenen Fragmenten in meinen Notizen etwas herauszulesen, das Assoziation und Inspiration zu etwas Fertigem vollenden konnten.

Gelegentlich bin ich darüber sogar eingeschlafen; später wieder aufgewacht, um das Suchen erneut zu beginnen, zuweilen ist mir dann sogar spontan das rechtes Wort zugefallen, um Text und Tag endlich beenden zu können. Manchmal habe ich gewissermaßen aufgegeben, indem ich schließlich einen Text ausgewählt und eingestellt habe, hinter dem ich nicht wirklich stehen konnte, bei dem noch irgendetwas hakte oder nicht stimmte.

Das konnte eine recht frustrierende Suche sein, wenn ich immer wieder aufs Neue merkte, dass sich heute so gar nichts ergeben und vollenden wollte. Dann wollte mir partout nichts einfallen, und wenn, dann nur Splitter und Unfertiges, schlecht und nicht stimmig »Anformuliertes«. Das durchzustehen und nicht aufzugeben, ließ oftmals ganz plötzlich doch noch wunderbare Texte erblühen. Manche vollendeten sich scheinbar mühelos ganz von selbst, und manchmal, wie aus dem Nichts, schuf sich ein vollkommen neues Gedicht.

Es gab immer wieder Momente, in denen ich diesen Anspruch und diese Anforderung verflucht habe. Mir das anzutun, schien mir nur eine Qual und ohne Sinn. Letztlich war es aber doch immer wieder eine sich bestätigende und mich beglückende Herausforderung. Dennoch fühlte es sich zusehends schwerer und mühevoller an, gleich einer überkommenen Tradition, aufrecht erhalten mehr aus Gewohnheit denn Notwendigkeit, mehr aus Verpflichtung denn aus Überzeugung.

Zehn Jahre, so dachte ich schließlich, das ist ein guter Anlass und ein rechter Zeitpunkt, etwas Liebgewonnenes und Angewohntes auszusetzen und abzuschließen. Mit dem Jahreswechsel, so nahm ich mir – nicht fest, aber doch einigermaßen entschieden – vor, würde ich meinen Blog beenden, ganz oder zumindest in seiner (täglichen) Regelmäßigkeit. Aber wie so viele, so ging auch diese Gewohnheit ungebrochen über den Jahreswechsel hinweg und setzte sich ganz selbstverständlich ins neue Jahr fort.

In der vergangenen Woche ist mir das Mühevolle und Schwere daran von der Ausnahme zur Regel geworden, und so habe ich mich nun entschieden, das als Ansporn zu nehmen, meinen Blog für einen Monat ganz einzustellen – und in dieser Zeit ebenso keinen Neuigkeiten-Brief mit Bemerkungen und den Links zu den einzelnen Texten zu verschicken. Einzig meine Musik-Tipps, den »Link zum Sonntag«, will ich im Februar auf meiner Seite beibehalten. Ich gönne mir gewissermaßen also einen Sabbath-Monat – ohne zu wissen oder mir vorzunehmen, wie es danach weitergehen, welche Form es dann annehmen mag.

Ich möchte und muss einige Prioritäten in Alltag und Leben, in Existenz und Schreiben, in meines Daseins verschiedenen Facetten etwas verschieben und ihnen eine neue Struktur und andere Ausrichtung geben. Dazu gehört auch, mich endlich um die Herausgabe meiner (dann wohl »gesammelten«) Werke zu kümmern; dazu bin ich seit Jahren – wohl eher seit Jahrzehnten – nicht gekommen, bzw. habe ich es immer wieder vor mir hergeschoben. Und es gibt noch einige Ideen, vor allem auch für längere Texte (z.B. Theaterstücke), die auch schon seit ewigen Zeiten auf ihre Verwirklichung und Ausformulierung warten. Nicht zu vergessen mehrere Haufen mit Notizen auf großen und kleinen Zetteln, auf denen ich irgendwann einmal etwas notiert und es seither nicht mehr gelesen habe. Wer weiß, was darin noch alles schlummern mag.

Auch auf anderen Gebieten und in anderen Lebensräumen gibt es für mich noch manches zu entdecken und zu entwickeln. Dieser Februar – ist er nicht schon immer (m)ein besonders kreativer Monat gewesen? – scheint mir der rechte Rahmen und das rechte Feld, das Alte einmal auszusetzen und ein Neues sich setzen zu lassen. Ich will mich führen und auch überraschen lassen, wohin es mich führt, wo es mich absetzt und wofür es mich einsetzt. Dafür ist eine solche Auszeit ja wohl auch gedacht.

Allen, die dies jetzt hier lesen, wünsche ich in dieser eine gute Zeit. Von Herzen,

(Henning Sabo)

Unbeschrieben

Ist leer das Meer
Von allen Wellen,
Nur in sich selbst vertieft;

Ist leer das Blatt
Von allen Worten,
Nur durch sich selbst verbrieft;

So in sich ruht
Das Sein vor aller Wirklichkeit,
Von keinem Wirken je besetzt;

So hin sich reicht
Das Selbst durch alle Wesenheit,
Von keinem Wollen je verletzt.

(Henning Sabo)

Nichts hinzu

Ich schwebe durch Zeit und durch Raum,
Eine Blase aus flüchtigem Schaum,
Sie mag wohl zerspringen im Nu.

Ich schaue durch Raum und durch Zeit,
Ein Sein, das von Seele und Körper befreit,
So zeugt es nicht Ich noch ein Du.

Es strömen die Zeiten und Räume
Durch Furcht und Verlangen der Träume,
Doch fügt sich das Nichts nun nichts mehr hinzu.

(Henning Sabo)