Ania Losinger & Mats Eser

Der Link zum Sonntag:

Am 10. November habe ich euch als »Link zum Sonntag« hier zwei Aufnahmen des »Magic-Marimba«-Konzerts aus dem Jahr 2003 vom Tanz- und Folklore-Festival in Rudolstadt vorgestellt. In Ergänzung dazu am 17. November ein kleines Porträt der beiden bei diesem Konzert beteiligten Txalaparta-Spielerinnen Sara und Maika Gomez (»Ttukunak«).

Heute möchte ich eine weitere Beteiligte dieses Konzerts vorstellen, die Schweizerin Ania Losinger. Ausgehend eben vom baskischen Txalaparta hat sie 1998/99 zusammen mit dem Instrumentenbauer Hamper von Niederhäusern das weltweite Unikat »Xala« entwickelt. Die Xala ist ein auf dem Boden liegender Klangkörper aus Holzbohlen und Metallplatten, welche tanzend zum Klingen gebracht werden, mit Flamencoschuhen und mit menschenhohen Stöcken.

Ania Losinger lernte Rhythmische Sportgymnastik und dann den Flamencotanz, war Mitglied der Tanzgruppe »Flamencos en route«. Irgendwann war sie es leid, an den Aufführungsorten immer wieder Bühnen aus groben, unebenen Brettern vorzufinden: »Wie sollte ich da Nuancen zum Klingen bringen?« Das leise Schleifen der Schuhspitze etwa, das allmähliche Crescendo der Absätze, den dumpfen Aufprall des Fußballens? Ania Losinger begann, sich ihre eigene Bühne zu bauen. Sie unterlegte Metall, Teppichreste und andere Materialien, installierte Tonabnehmer, probierte und experimentierte. Das führte zur Zusammenarbeit mit Don Li und seinem Tonus-Music-Labor in Bern. Und schließlich zum Zusammentreffen mit Hamper von Niederhäusern, einer »Fügung« – sie träumte von einem akustischen Klangboden, er wollte schon immer »Große Töne« bauen –, aus der das erste Xala (400Kg schwer, 4,5 Quadratmeter groß) hervorging. Inzwischen gibt es drei, sich in Größe und Klangfarbe unterscheidende Xalas; die Xala III, 100Kg verteilt auf 5 Taschen, ist erstmals auch flugtauglich.

Heute arbeitet Ania Losinger meistens mit Mats Eser zusammen, gemeinsam entwickeln und komponieren sie ihre Stücke. Ein paar Live-Ausschnitte aus ihrer ersten gemeinsamen Komposition »The Five Elements« (2005), eine fünfteilige Konzertperformance (auch auf CD veröffentlicht) für Xala II und fünfoktavige Marimba:

Ania Losinger & Mats Eser – »The Five Elements«

2007 realisieren sie »Schlag-Fertig-Los!« für Kinder und Jugendliche, eine Konzertperformance, die erstmals auch musiktheatralische Elemente enthält. 2008 folgt in Zusammenarbeit mit dem Schauspieler und Regisseur Clo Bisaz die Bearbeitung des Märchens »Aschenputtel«. Das eigens dafür entwickelte Instrumentarium ist gleichzeitig Bühnenbild und besteht aus klingenden Objekten und dem betanzbaren, elektroakustischen Klangboden TM-Xala (TM = Tanzmeter).

Aus der Bearbeitung von Tonus-Music-Parts von Don Li erschaffen sie das Orchesterwerk »Tonus-Music für Xala, Marimba und Orchester«, das unter der Leitung von Bruno Stöckli uraufgeführt wird.

Im Sommer 2010 fliegt das Duo Losinger-Eser nach Shanghai, um an der Weltausstellung im Spanischen Pavillon während dreier Wochen ihr neues Programm »fú – getanzte Klangskulpturen« (Xala III und Minimal-Percussion) vorzuführen.

2011 erlebt »Shanghai Patterns« seine Premiere, 2012 folgt »Scope«. Hier schließlich noch Ausschnitte aus der neuesten Produktion, eine zweisprachige Musiktheater-Inszenierung: »Farbige Zeiten ou: l’invention de la cinquième saison« mit Daniel Mouthon (Sprache, Stimme, Fender Rhodes), Ania Losinger (Xala II, Choreografie) und Mats Eser (Marimba, Komposition):

Ania Losinger & Mats Eser – »Farbige Zeiten ou: l’invention de la cinquième saison«

»Mit der Idee, einen akustischen Klangkörper unter die Füße zu nehmen, habe ich mir den Traum erfüllt, Musik und Tanz gleichgewichtig in einer Person zu vereinigen. Ich bewege mich auf einem tönenden Boden, dem Xala, dessen Struktur einer weiten Landschaft gleicht. Immer wieder entdecke ich neue Wege, die charaktervollen Töne zu verbinden und ihnen Gestalt zu geben. Während sie mich tragen, antworten sie mir klanglich stets mit der entsprechenden Energie, die ich tänzerisch auf ihnen freisetze und inspirieren die wiederkehrende Bewegung. In diesem rhythmischen Dialog entsteht ein vielschichtig-schwingender Klangraum. Den eigenen Bildern sind keine Grenzen gesetzt und ein vertieftes Wahrnehmen wird möglich. Es liegt mir am Herzen, diesen Raum für alle Menschen begehbar zu machen, die eine sinnliche Reise ins Land der hörenden Augen und sehenden Ohren machen wollen. … Trance würde ich es nicht nennen, eher einen Zustand äußerster Präsenz, wie ich ihn sonst nicht erreichen und erleben kann. Ich höre und registriere alles, was im Raum passiert, jeden einzelnen Ton, die Obertöne, Schwingungen, Resonanzen. Alles. Und alles gleichzeitig.« [Ania Losinger]

P.S.: Dem aufmerksamen Leser ist vielleicht aufgefallen, dass hier noch ein anderer Bezug wieder aufgenommen wurde, nämlich der zu Don Li und seinen immer wieder spannenden Projekten (»Orbital Garden«) von »Tonus Music«, am 3. Mai hatte ich an dieser Stelle »48 Drummers« vorgestellt.

Nichts fern, nichts nah

Ich lausche in die Luft, die feuchte
In der das Licht sich streut in eine weiche Weite
Und nichts mehr ferne ist noch nah

Sie atmet nicht mal mehr, die große Stille
Sie ist – und nichts ist sonst – nur einfach da
Kein Zweites taucht aus einem unberührten Ja

Ich lausche in die Luft, die feuchte
Und nichts ist fern, und nichts ist nah

(Henning Sabo)
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