Für dich

Es ist für dich.
Ganz genau für dich.

Aber du hast ja zu tun,
Und du bist sehr beschäftigt.
Das Gewohnte soll seine Gänge gehen,
Erwartungen müssen erfüllt werden,
Und was du dir vorgenommen hast,
Das willst du auch erledigt wissen.
Nein, du kannst keine Zeit mehr erübrigen.

Du wirfst einen flüchtigen Blick,
Du nimmst ein wenig Notiz,
Du spürst eine Ahnung innerer Regung …
Aber da ist schon das Nächste,
Das deine Aufmerksamkeit fordert
Und deine Gedanken auf etwas anderes lenkt –
Und schon bist du fort aus diesem Moment.

Nein, es berührt dich nicht mehr,
Es hinterlässt nichts mehr,
Es macht nichts mehr mit dir.
Nichts bringt dich mehr aus deiner Spur,
Und nichts erinnert dich zu sehr.
Du bist für nichts mehr einzunehmen,
Für nichts zu empören, für nichts zu entflammen.

Du hast dich eingerichtet und abgesichert,
Und du verteidigst dein Existieren.
Nichts holt dich mehr heraus
Aus Alltag und Kompensieren,
Aus Sehnsucht und Funktionieren –
Und du lässt es gewähren:
Du wachst nicht mehr auf.

Es ist für dich.
Ganz genau für dich.

(Henning Sabo)

Nichts als Du selbst

Was immer Du gibst
Du gibst es dir selbst
Was immer Du nimmst
Du nimmst es dir selbst

Was Du ersuchst:
Nichts als Du selbst
Was Du erfindest:
Nichts als Du selbst

Was immer erscheint
Es ist niemals ein Anderes
Was immer es ist
Es ist niemals ein Anderes

Was dir begegnet:
Nichts als Du selbst
Was dir entgegnet:
Nichts als Du selbst

Was immer Du nimmst
Du nimmst es dir selbst
Was immer Du gibst
Du gibst es dir selbst

(Henning Sabo)

Unerzählte Geschichten 7

Die Geschichte eines Mannes,
der, aufgrund seiner Begegnungen des Tages,
an jedem Abend bist tief in die Nacht
ein neues, detailliertes und wohl formuliertes,
gerechtes und sehr berechtigtes Testament verfasst.

(Henning Sabo)

Wie die vorigen – »Heute (Blog)« vom 24. bis 27. Januar und vom 7. September 2013 –, so beruht auch diese »Unerzählte Geschichte« auf Aufzeichnungen aus dem Jahr 1981, die ich erst jetzt »wieder entdeckt« habe. Obwohl ich diese nahezu unverändert übernehmen konnte, habe ich mich entschlossen, diese Geschichten mit dem Datum ihrer jetzigen Wiederentdeckung und Ausformulierung zu versehen.

Reanima

Was immer ich auch schöpfe oder modelliere
Bleibt ein Fragment und scheint wie tot und abgetrennt
Entfernt von dem, was ich ersehe und erlebe
Ein Element, das seinen Grund nicht mehr erkennt

Und doch, wenn ich ihm wieder jetzt begegne
Dann ist es so, als ob es mich beim Namen nennt
Und nur ein Leuchten in den Augen bräuchte
Damit es sich entzündet und von Neuem brennt

(Henning Sabo)

Leben und Sterben

Es gibt nicht: Leben und Sterben.
Und auch nicht: Leben oder Sterben.
Da ist kein Leben ohne Sterben.
Doch da ist Leben – und das ist Sterben.

Leben ist nichts anderes als Sterben.
Und es geschieht im selben Augenblick.
Nichts, das sich verändern würde.
Nicht der geringste Unterschied.

Die ersten Momente des Lebens
Sind die ersten Momente des Sterbens.
Der letzte Augenblick des Lebens
Ist der letzte Augenblick des Sterbens.

Das Erscheinen ist das Verschwinden.
Das Erlangen ist das Verlieren.
Das Kommen bezeichnet das Gehen.
Verschieden sind einzig die Namen.

Geboren werden heißt Sterben werden.
Ins Leben kommen ist zu Tode kommen.
Leben bewahren heißt Sterben bewahren.
Geburt erfahren ist Tod erfahren.

Was aber ist, worin dies alles geschieht?
Was aber ist, wovon es wahrgenommen wird?

(Henning Sabo)
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