Frieden annehmen

Inzwischen habe ich mit manchen Menschen über mein »Frieden geben« gesprochen. Offenbar ist es schwer zu verstehen, was »Frieden geben« in meinem Verständnis tatsächlich bedeuten soll.

Die meisten glauben, es ging darum, aktiv etwas für den Frieden zu tun, Frieden herzustellen oder Frieden herbeizuführen, oder ganz bewusst mit friedlichen Absichten auf jemanden zuzugehen.

Alles gut und schön, nicht aber das, was ich mit »Frieden geben« aussagen will.

Das, was wir Frieden nennen und als Frieden akzeptieren, basiert auf jenen Ideen, die wir von Frieden haben. Frieden ist eine Idee, die wir als »Frieden« definieren und von einer Idee »Unfrieden« abgrenzen und unterscheiden. »Unfrieden« ist etwas, das wir dem Sein und seinen unzähligen Erscheinungsformen hinzugefügt haben, und so erscheint »Frieden« als seine ideale Ergänzung, als notwendiges Gegenüber: ein idealisierter Sehnsuchtsort, aus dem aller Unfrieden verbannt worden ist. Dieser Frieden ist ein bedingter Frieden und »beunruht« auf Bedingungen, die ihn nur behauptet oder verklärt Wirklichkeit werden lassen können.

Ich hingegen spreche vom unbedingten, vom absoluten Frieden. Von jenem Frieden, den wir zuweilen empfinden, wenn Schönheit oder Stille uns berühren, wenn Bewertung und Urteil für einen Moment schweigen, wenn wir unwillkürlich tun oder einfach nur wahrnehmen. Da wir dazu neigen, alles zu verdinglichen oder zu »verwesen«, halten wir diesen Frieden für ein Objekt, das man gewinnen oder verlieren kann, für einen Zustand, in den man fallen und dem man wieder entfallen kann. Für uns auf jeden Fall ein Ausnahmezustand, ein weit entferntes Objekt, das nur schwer zu erreichen ist.

Aber dieser Frieden ist weder Zustand noch Objekt. Dieser Frieden ist das, was ist, er ist das, was wir sind – nichts anderes. Frieden ist unsere Natur, es ist die Natur allen Lebens, die Natur des Seins an sich. Dieses absoluten Friedens sind wir uns selten bewusst, sind wir doch die meiste Zeit damit beschäftigt, mir unseren Ideen des Friedens gegen unsere Ideen des Unfriedens zu Felde zu ziehen.

»Frieden geben« meint für mich vor allem »Frieden annehmen«. Frieden annehmen als ein Gegebenes, ein Seiendes, als ein grundlegend Gegebenes, ein absolut Seiendes – und eben nicht als etwas erst zu Erzeugendes, Herbeizuschaffendes. Frieden annehmen als das, das ausnahmslos da ist, anstatt ihn behaupten als etwas, das nicht da ist, noch nicht da ist, noch nicht ganz oder noch nicht vollkommen da ist.

Das ist sehr subtil und wir alle haben Regionen und Themen, haben Angelegenheiten und Menschen, denen wir diesen Frieden verweigern. Dieses Verweigern aufzugeben und keinen Unfrieden mehr zu behaupten, das meine ich mit »Frieden geben«.

Ich lasse in Frieden, was in Frieden ist, ich nehme an, vollkommen und unbedingt, dass alles und jedes ein Ausdruck absoluten Friedens ist – auch dann, wenn ich es nicht als Frieden erkennen oder anerkennen mag und kann. Auch die qualvollsten Qualen, auch die schrecklichsten Schrecken, auch die katastrophalsten Katastrophen wurzeln in einem unauslöschlichen Frieden, werden getragen von einem immer präsenten Frieden, sind selbst nichts anderes als mit und in und einzig Frieden.

Dies vorbehaltlos anzunehmen, das ist: Frieden geben.

Diesen Frieden wirklich zu geben, wird alles verändern. Nicht, weil es eine sichtbare Veränderung schafft, sondern weil es anders sieht. Frieden anzunehmen lässt ihn – überall und allezeit – sichtbar werden. Ihn so zu sehen lässt ihn »überfließen«: der gegebene Frieden wird zum »Frieden geben«.

Dieser Frieden erlöst und befreit – in nichts als sich selbst. Ist er gegeben, wandle ich in zärtlicher Gleichgültigkeit, ruhe ich in mitfühlender Unberührbarkeit. Ich kann gehen, ich kann bleiben, ich kann sein und tun, was ich bin. Ich mag befrieden, was ich als Unfrieden empfinde: den Schrecken lindern, die Qualen heilen, die Katastrophen verhindern. Dem Frieden wird es nichts wegnehmen, nichts hinzufügen. Er ist gegeben, er wird gegeben.

(Henning Sabo)

3 Gedanken zu “Frieden annehmen

  1. Michaela sagt:

    Ich bin dankbar, für das was ich höre aus diesen Worten und mit dem ich mich verbinden kann über diese Worte: Hingabe, Demut, Dankbarkeit für alle Erscheinungen des Lebens und damit Erfühlen des Friedens darin. Wo ich noch nicht in Frieden bin, darf ich das Leben fragen: „Was willst du mich lehren, wie kann ich dem Augenblick dienen?“ Und mit dieser Frage bin ich schon wieder im Annehmen dessen, was ist.

  2. Brigitte sagt:

    danke <3

  3. Nannette sagt:

    Wunderbare Auseinandersetzung mit dem FRIEDEN.

    Liebe Grüße,
    Nannette

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