Ungeschehen

Bevor wir gehen,
Sehen wir gehen.

Wir müssten gestehen
Und eingestehen:
Auch das Bestehen
Wird nicht bestehen,
Auch jene, die sehen,
Werden einst gehen.

Denn jedes Entstehen
Ist längst schon Vergehen:
Muss alles sich drehen,
Muss alles verwehen –
Und ist im Geschehen
Schon ungeschehen.

Du suchst, zu verstehen,
Du suchst, zu entgehen,
Zur Erde dein Wehen,
Zum Himmel dein Flehen!
Du willst widerstehen
Und weiterbestehen,
Willst mehr sein als Lehen,
Willst auferstehen …
Doch alles Geschehen
Bleibt ungeschehen.

Die aber ausersehen
Und nicht auf ihrer Existenz bestehen,
Die weiter als vorüber gehen
Und tiefer als zugrunde gehen,
Die noch im Widerspruch die Leere sehen
Und die im Zweifel zur Verzweiflung stehen,
Die sich im Augenblick nicht hin zum Abbild drehen
Und die das Eine nicht als Gegenüber missverstehen,
Die haben endlich – und unendlich – ein-gesehen
Und werden, weil sich nicht entstehen, nicht vergehen.

Bevor wir gehen,
Sehen wir gehen.

(Henning Sabo)

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