Von Wegen des Guten

Es geht nur so lange gut,
Bis es zu Ende geht.
Dann geht es dir schlecht –
Und Du suchst einen,
Ihm dafür die Schuld zu geben,
Ihn verantwortlich zu machen.

Du aber hast von Anfang an gesehen:
Es kann und wird nicht ewig gehen –
Und also auch nicht immer gut.
Das – bis zuletzt – zu verdrängen
Und es nicht wahr haben zu wollen,
Fällt allein in deine Zuständigkeit.

In niemandes sonst.

(Henning Sabo)

Carl Heinrich Graun – »Die Sterblichkeit gebiert das Leben«

Der Link zum Sonntag:

Von Carl Heinrich Graun (1704-1759), wie sein älterer Bruder Johann Gottlieb ebenfalls für Friedrich II. als Komponist und Musikus tätigt, habe ich hier ein Stück – mit dem schönen Titel »Die Sterblichkeit gebiert das Leben« – aus seinem Weihnachtsoratorium ausgewählt.

Carl Heinrich Graun – »Die Sterblichkeit gebiert das Leben« (aus dem Weihnachtsoratorium)

Unbegriffen

Das, an dem wir am verzweifeltsten festhalten
Von alledem, was wir zu besitzen glauben,
Die größte Illusion alles vermeintlich Meinen,
Ist das, was wir »mein Ich« oder »meine Meinung« nennen.

Das loszulassen und es vollkommen aufzugeben,
Ist jenes, was wir eigentlich als Erstes tun müssten,
Um dem Wahren den Zugang zu uns zu ermöglichen;
Und ist doch das Letzte, wozu wir bereit sein werden.

Solange wir auf den Besitz eines Wesens bestehen,
Sind wir blind und bleiben in Verblendung gefangen;
Wir werden weder Glück noch Befreiung erfahren,
Das Wahrhaftige weder erkennen noch anerkennen.

Unser Denken, Fühlen und Handeln wird gebunden bleiben
Und Ideal und Vorstellung zu bestätigen suchen;
Es wird vorfinden, was immer wir angenommen haben,
Und Unverstelltes und Unmittelbares unterschlagen.

Uns augenblicklich dem Augenblicklichen hinzugeben,
Allein das wird uns augenblicklich aus allem erlösen.
Ansonsten ist alles Erscheinen, zu täuschen und zu betrügen,
Uns gefangen zu halten im Wechselspiel von Kommen und Gehen.

Da ist nichts, daran anzuhaften oder es festzuhalten,
Da ist nichts, es zu überwinden oder zu transformieren.
Kein Erreichen, kein Verfehlen, kein Gewinnen, kein Verlieren:
Unberührt ist das Berühren, unbegriffen das Begreifen.

(Henning Sabo)

Aus diesem Nichts

Aus diesem Nichts
Ergießt sich alles,
Und alles spiegelt sich
In diesem Nichts.

Ein Jegliches
Ist nicht verschieden von dem Einen,
Und in dem Einen löst sich auf
Ein Jegliches.

Nichts ist bewegt und nichts steht fest,
Nichts endet, nichts beginnt.
Das Herz pulst still und ruht in sich,
Der Vogel fliegt und singt.

(Henning Sabo)

Keiner, keine, keines

Lässt du dich geborgen,
Ist da nichts, dich zu bedrohen;
Lässt du dich vertrauen,
Wird nichts bleiben, das zu wehren.

So du nicht schaust, was es ist,
Scheint alles dir fremd;
So du nicht weißt, wer du bist,
Wird alles zum Feind.

Es ist nicht Angst, die wir am meisten fürchten,
Es ist, von keiner mehr zu wissen:
Befreit vom Werten und vom Richten
Dem Augenblicke folgen, dem Gewissen.

Nicht das Suchen dringt ins Finden,
Nicht das Wollen wird Erlösung binden;
Klarheit wächst, wo wir von Sinnen,
Und Erkennen wurzelt bloß im Innen.

Lässt du dich geborgen,
Ist da nichts, dich zu bedrohen;
Lässt du dich vertrauen,
Wird nichts bleiben, das zu wehren.

(Henning Sabo)

Erschöpfung

Erschöpfung

Im Außen ist schon alles nächtlich überreift,
So ist es Überreife wohl, die nach uns greift.
Wir sind in Zeiten, die nach allen Seiten fallen,
Und Zorn und Zweifel wächst als Zuversicht in allen.

Die Tätigen, die jeder Faulheit abgeschworen,
Sind Täter doch und in die Fäulnis eingeboren.
Nichts mag sich mutig auf sich selbst besinnen,
Und was sich äußert, fällt vermummt ins Innen.

Was unsre Seele war, ist stumm vom Zeitgeist übereist,
Der Irrsinn ist uns Norm, und Herz und Geist sind längst verwaist.
Es wird das Sein uns wie ein Leben in die Zeit verrinnen,
Zu fehlen das, was unser ist, ist das, was wir gewinnen.

(Henning Sabo)

Heimwärts

So hat das Land gewartet auf die Wolke,
So hat gesucht die Wolke nach dem Land.

Umarmend sich im Regen
Erliebt sich ein Erblühen;
Entdeckend sich im Leben
Ergibt sich Sein dem Seinen.

So hat das Land gewartet auf die Wolke,
So hat gesucht die Wolke nach dem Land.

(Henning Sabo)