Schnee überm Land

Der Frieden des Schnees ist ein ewiger,
Der Frieden des Schnees ist ein flüchtiger.

Scheint ein Jedes zu bergen und zu verbergen
Und nur noch das Sanfte und Stille zu zeugen.
Doch es kann alle Zeit nur die Zeit überbrücken
Und aus jedem Bedecken erwächst ein Entdecken.

Der Frieden des Schnees ist ein ewiger,
Der Frieden des Schnees ist ein flüchtiger.

(Henning Sabo)

Luigi Boccherini – Cello Konzert Nr. 6 G-Dur (G 479)

Der Link zum Sonntag:

Luigi Boccherini (1743-1805) war ein italienischer Komponist und Cellist, der vor allem Werke für dieses von ihm selbst gespielte Instrument geschrieben hat. Eines dieser Werke möchte ich hier vorstellen, in der Interpretation von zwei Legenden der klassischen Musik, dem Cellisten Mstislav Rostropovich imd dem Dirigenten Seiji Ozawa, der hier das Mito Chamber Orchestra leitet.

Luigi Boccherini – Cello Konzert Nr. 6 G-Dur (G 479)

Zum neuen Jahr

Mit der Zeit geht so manche Binsenweisheit in die Binsen – denn auch sie geht mit der Zeit. Vielleicht ist so ein Neujahrstag der rechte Moment, erneut an eine solche Weisheit zu erinnern. Erich Kästner hat sie einmal ausgesprochen und begrüßte einst ein neues Jahr mit diesen Worten:

Wird’s besser? Wird’s schlimmer? fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!

Womöglich ist das eines der großen Geschenke des letzten Jahres, dass es der Mehrheit der Menschen diese Weisheit wieder zurück ins Gedächtnis und ins Bewusstsein gerufen hat. Der Mensch ist ein Meister der Verdrängung, und seine größte Leistung darin besteht darin, die Sterblichkeit seiner selbst komplett auszublenden und so zu tun und zu handeln, als würde sein Sein ewig sein und er als ein solcher für alle Zeit durch diese Welt und dieses Dasein wandeln.

Diese Sterblichkeit betrifft aber nicht nur das Leben selbst, sie betrifft alles, worin wir uns eingerichtet haben und was wir als Normalität bezeichnen, also all das, was wir für selbstverständlich halten und als gegeben annehmen, was wir als unser gutes Recht ansehen oder gar als unseren Verdienst behaupten. Aber nichts davon ist wirklich selbstverständlich, nichts ist festgeschrieben und verbindlich, gewiss oder unverbrüchlich, und schon gar nicht ewig. Alles unterliegt der Veränderung und Umwandlung, ein jedes kann von einem Augenblick auf den anderen uns wieder genommen oder vollkommen vernichtet werden.

Gesundheit, Unversehrtheit, innere Geborgenheit und soziale Eingebundenheit, wirtschaftliche Sicherheit und äußere Freiheit, politische Stabilität und die Abwesenheit von Krieg und Bürgerkrieg, das Ausbleiben von großen Naturkatastrophen und schweren Hungersnöten – die meisten von uns durften all das als ihren kaum getrübten Alltag erfahren und ihn folglich für selbstverständlich halten und als Normalität betrachten. Manchen Menschen war und ist das Glück beschieden, dergleichen ununterbrochen seit sieben Jahrzehnten zu erleben. Sieben Jahrzehnte, das sind gut drei Generationen, drei Generationen, die fast nichts von dem erfahren mussten, was das Leben der Menschen seit Jahrtausenden und auf allen Kontinenten prägt und bestimmt; einer tatsächlichen tagtäglichen elementaren existenziellen Bedrohung waren nur die wenigsten von uns bisher je wirklich ausgesetzt. Schauen wir in die Geschichte und schauen wir uns um in dieser Welt, so sollte uns offenbar werden, welch ein Geschenk das ist, welch ein Privileg.

Nein, es ist auch heute nicht selbstverständlich, dass ich da, wo ich bin, einfach sein darf und mir niemand weder diesen Ort noch mein Dasein streitig macht.

Nein, es ist auch heute nicht selbstverständlich, ein Dach über dem Kopf zu haben, einen Platz zum schlafen, ein ruhiges, tiefes und friedliches Schlafen, ohne Alpträume und ohne Gefahr, daraus herausgerissen oder vertrieben zu werden.

Nein, es ist auch heute nicht selbstverständlich, dass ich nur einen Knopf drehen muss, um es warm zu haben und nicht zu erfrieren, dass ich nur einen Hebel umlegen muss, um reines und trinkbares Wasser zu kosten und nicht zu verdursten.

Nein, es ist auch heute nicht selbstverständlich, dass dieser Ort, an dem ich bin, keinem Krieg zum Opfer fällt und zu einem Schlachtfeld wird, dass die Menschen, mit denen ich bin, sich nicht in Verbündete oder Feinde spalten und nur noch im Sinn haben, einander zu besiegen.

Nein, es ist auch heute nicht selbstverständlich, dass auch ich nicht gezwungen bin, mich auf irgend eine Seite zu schlagen, eine Waffe anzulegen und, um selbst ein wenig an diesem Leben hängen zu bleiben, einem anderen sein Leben zu nehmen.

Nein, es ist auch heute nicht selbstverständlich, dass ich dort, wo meine Wurzeln sind, auch wurzeln kann, dass ich dort, wo ich leben will, auch überleben kann, dass meine Heimat nicht unwirtlich wird und mir das Bleiben unmöglich macht, dass mich die Welt empfängt, der Boden mich trägt, die Menschen mich willkommen heißen – und mich nicht in ein Meer oder eine Wüste verbannen.

Nein, es ist auch heute nicht selbstverständlich, dass ich an diesem Ort, an dem ich bin, freiwillig bin, dass ich durch ein Fenster ohne Gitter nach draußen schauen kann, meine Türen öffnen und schließen und über meine Wege und Aufenthalte selbst entscheiden, und dass ich diesen Ort verlassen kann, wann immer ich will.

Nein, es ist auch heute nicht selbstverständlich, dass sie nicht kommen, mich zu holen, mich zu demütigen und zu erniedrigen, mich zu erpressen und zu nötigen, mich zu foltern und zu quälen, bis ich Sinn und Sinne verliere und mich nur noch nach der Erlösung des Todes sehne.

Nein, es ist auch heute nicht selbstverständlich, dass mich nicht irgendein Sturm hinwegfegt, nicht irgendeine Flut hinfortträgt und mir in kürzester Zeit mein Liebstes und mein Lebenswerk zerstört – und mir nichts als nur mein bloßes Dasein übrig lässt.

Und nein, es wird auch morgen nicht selbstverständlich sein, im Umgang mit dem Leben und bei allen meinen Anteilnahmen nicht mit einem Virus infiziert zu werden, der, wenn die Zeit gekommen ist, mein Wohlbefinden beeinträchtigt, meine Gesundheit ruiniert, mein Sterben beschleunigt oder meinen Tod herbeiführt.

Jeden Morgen zu erwachen, bei guter Gesundheit und nicht von Sinnen zu sein, mich frei bewegen, uneingeschränkt handeln, fühlen und denken zu können und auch am Abend noch am Leben zu sein – allein das ist ein unglaubliches Geschenk, zu unermesslich, um es wirklich ermessen zu können.

Wir könnten dankbar sein, wieder daran erinnert zu werden. Wir könnten die Kostbarkeit dieses Daseins auskosten und jeden Augenblick in seiner Wahrhaftigkeit und seinem Sosein genießen. Wir könnten aufhören, unser Leben zu vergeuden. Wir könnten anfangen, uns ihm hinzugeben. Wir könnten vertrauen und annehmen. Wir könnten lieben. Und Sein lassen.

(Henning Sabo)