Reife

Hielt die Hand auf
Und hoffte, es fiele
Die Frucht aus der Krone,
Die überreife …

Schloss die Augen
Und lauschte dem Winde,
Der uns umströmte –
Doch nichts geschah …

Nur plötzlich entschlüpfte
Der Hand weich ein Vogel,
Und er erhob sich
Hinauf in den Himmel …

(Henning Sabo)

Entkommen

Es gibt kein Entkommen aus jenem,
In das wir hinein uns gedacht,
Als sterben zu lassen all jenes,
Daraus Welt und Ich wir gemacht.

Es brechen zusammen die Festen,
Kommt zu sich kein einziger Traum;
Es bleibt uns nichts Hohles, nichts Festes,
Wir lösen uns auf in den Raum.

Wir sind es, die alles umgeben,
Und sind doch von nichts je getrennt;
Wir suchen zu fassen vergebens,
Was selbst nur sich selbst nicht erkennt.

(Henning Sabo)

Winterwind

Ohne Blatt, ohne Laub:
Wie kalt nun der Wind,
Der zwischen den Häusern,
Die Wände entlang,
An Rolläden rüttelnd,
Die Höfe durchfegt.

Nichts aufhebt,
Nichts fortträgt,
Und nirgendwohin.

Ohne Blatt, ohne Laub:
Wie kalt nun der Wind!

(Henning Sabo)

Zum neuen Jahr (Zeiten und Räume)

Es macht verloren uns und Angst, das Ungeteilte, und ungezähmt und unergründlich droht das Unbenannte. Mit Worten suchen wir zu bannen, mit Relationen zu berechnen, mit Ritualen zu beherrschen, was uns geheuer nicht und nicht zu steuern ist.

So haben wir auch jenes, was »die Zeit« wir nennen, dem absoluten Augenblicklichen entzogen und in die Abstraktion von Endlichkeit und Ewigkeit verschoben. Wir müssen sie spalten und trennen, ihr Räume und Abschnitte zuordnen, Verläufe und Wendepunkte bestimmen und sie als Epoche und Geschichte archivieren. Sie vergeht als Sekunde, ist vergangen als Jahrtausende und wird vergehen – schneller und flüchtiger denn unser Festhalten und Bestehen daran und darin – als Jahre und Stunden, die uns noch bleiben.

Die Uhr, dieser präziseste und objektivste, also ungenaueste und unwahrhaftigste aller Zeitbemesser, gibt vor, uns vorzugeben, wie und als was wir Zeit zu empfinden und zu erfahren haben. Wochentage, Monatsnamen, Jahreszeiten und Jahreszahlen, auf die wir uns einstellen und ausrichten, auf die wir zählen, die wir abhaken. So schaffen sich Anfang und Ende, Jetzt und Eben, so zeugen sich Gestern und Morgen, Werden und Vergehen – und lassen aus einem Davor ein Danach entstehen. Es scheidet sich das Eine vom Anderen, und stets ist das sie Scheidende nur eine einzige Sekunde. Sie trennt Minuten und Stunden, und als jene von 23 Uhr, 59 Minuten und 59 Sekunden zu 0 Uhr, 0 Minuten und 0 Sekunden ebenso Tage, Monate und Jahre, ja sogar Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende und Jahrunendliche.

Wir nehmen sie gerne zum Anlass, jene fiktiven Fix- und Angelpunkte, um daran etwas festzumachen, damit etwas festzuhalten. Die Tage, die einst die Wiederkehr von Mondphasen und Sonnenwenden bestimmten, wurden in längst vergangenen Reichen zu Stichtagen, an denen die ins Kalendarium eingetragenen Schulden fällig wurden. Ein treffliches Bild, erinnern doch alle Jahres- und insbesondere die Geburtstage an die abzutragende Schuld alles Geborenen gegenüber der Zeit, deren Moment der Einlösung unweigerlich näher rückt, die der Vergänglichkeit.

Auch jenen beiden aufeinanderfolgenden Tagen, deren Ineinanderübergehen wir soeben gefeiert haben, ist diese Sekunde kein trennendes Zwischen-Ihnen, sondern ein bindendes Einen; und doch benennt der erste, der Silvester- oder Altjahrestag, das Ende des vergangenen Jahres, und der zweite, der Neujahrstag, den Beginn des gekommenen. Ein Paar, ganz natürlich geschaffen dafür, zurück zu blicken und zu resümieren und voraus zu schauen und sich etwas vorzustellen.

Wohl für die meisten Menschen war das vergangene Jahr eines der herausforderndsten und bedrückendsten. Gleichmut und Geduld waren gefragt, und gleichzeitig wurde unsere Energie immer mehr ausgezehrt und ausgehöhlt, verblieb uns immer weniger Muße und Zeit. Im Außen eine desolate und zerbröckelnde Welt, eine konfuse und korrupte Menschheit, die Menschen verbittert und verhärtet, scheinbar ohne Bewusstsein und Aufmerksamkeit, ohne Vertrauen und Respekt – nicht für das Leben, nicht für den Anderen, nicht für sich selbst. Und auch im Innen von so vielen, in dem, was wir Herz oder Seele nennen, brach Gewohntes und Bewährtes weg, fanden sich weder Ruhe noch Geborgenheit, weder Halt noch Beständigkeit.

In solchen Zeiten werden Menschen anfällig für Ideen, die ihnen das versprechen, was sie in sich und um sich herum verloren glauben und nirgendwo mehr zu erkennen vermögen. Statt wahrzunehmen, was sich ihnen durch all das offenbaren will, folgen sie jedem Hin und Her und Auf und Ab und leiten aus allem Geschehen und Empfinden Bestätigung und Berechtigung ab, sich selbst im Recht zu sehen und es anderen abzusprechen, und Welt und Menschen – und zuweilen gar sich selbst – für alles Leid und Elend abzustrafen. Und statt sich selbst und den eigenen Zweifeln auf den Grund zu gehen, flüchten sie nur um so vehementer in althergebrachte Ablenkungen und Verdrängungen.

Auch mich hat das vergangene Jahr Substanz gekostet und ans Limit gebracht, nicht selten darüber hinaus. Die Räume, die ich öffnen und erschließen wollte, die Weiten, die ich transparent und sichtbar machen möchte, müssen sich reiben an den Bedingungen und Begrenzungen der Welt, mussten konkurrieren mit den Beschränkungen und Behinderungen dieser Zeit. Um- und Unordnungen, Fehl- und Baustellen mehrten sich munter und bildeten stets weitere Ableger; die grundlegende Auflösung rückte immer ferner, das endgültige Aufheben wurde selbst immer wieder aufgehoben und bis auf Weiteres in ein Ungefähres ver- und abgeschoben. Immerhin konnte ich im November endlich um- und neue Räume beziehen, allerdings erwartete mich ein chaotisch und chronisch Unfertiges, und das sich umverteilende Umzugsgut tat sein Übriges. Verzögerungen und Komplikationen blieben dem Jahr treu, und so hause ich seit Wochen in einem Chaos, das mir kaum Bewegungsfreiheit lässt, mir ab und an kleine Freiräume zu schaffen, die zumindest eine Ahnung von Nicht-Chaos vermitteln. Alles, wirklich alles hängt an einem einzigen Raum, der noch nicht fertiggestellt ist und dadurch jeden anderen Raum im Haus – und natürlich auch mich in meinem Schaffensdrang und meiner Schöpferkraft – in vielerlei Form blockiert.

Was ich – gerade auch im Kontrast zu dem, was in der Welt und in meinem Umfeld geschieht – erneut erfahren darf, ist die unmittelbare Präsenz von Stille und Frieden, der all das Zuviele und Zuwenige, dem auch ich ausgesetzt bin und unterliege, nichts anhaben kann. In den vergangenen Jahren habe ich so manchen Menschen verzweifeln und seine Verwurzelung verlieren sehen, alte Freundschaften und Gemeinschaften sind zerbrochen, Hass und Gram sind in die Herzen der Menschen gezogen. Angst bestimmt ihr Handeln und ihr Denken wird beherrscht von der Idee, das sichern und verteidigen zu müssen, was sie als ihre Existenz missverstehen. Auf der anderen Seite all jene, die sich in eine seichte Esoterik flüchten und sich mit den schönen Bildern einer heilen oder sich heilenden Welt betäuben. So gewahre ich immer mehr Menschen, die um sich immer engere Kreise ziehen und sich in immer kleinere Räume sperren. Ihr Horizont wird nicht mehr vom Sein über die Weite des Lebens gespannt, er wurde unter Mauern begraben und hinter Wände verbannt; Wände, auf denen Meinungen von Meinungen überschrieben werden und auf die wir fortwährend unsere Vorstellungen projizieren. All das kann und darf sich widerspiegeln auch im Inneren meines Herzens und meines Hauses, wird aber dort weder Aufnahme noch Ankerplatz finden, sich weder festsetzen noch ausbreiten können. Dort, hier, ist nichts als Einfalt in Vielfalt, nichts als Sein und Hingebung. Was als Güte in zärtlichem Mitgefühl alles Schicksal berührt, bleibt in seiner Gewissheit von allem Schicksal unberührt. Dieses Hier ist immer hier, es ist niemals fort – und hier hat es einen Raum und seinen Ort.

So sehe ich es als drängend und dringlich an, dass dieses Haus, die »Quelle der Stille«, nun endlich seine Tore öffnen und seine Bestimmung erfüllen kann. Hier möchte ein Ort sein, an dem man zur Ruhe und zu sich selbst kommen kann. Nicht zu einer trügerischen Ruhe, sondern zur Ruhe vom Grunde her, nicht zu jenem Selbst, das man zu sein glaubt und zu sein begehrt, sondern zu jenem Selbst, das alle Ideen von einem Selbst erkennt und durchschaut. Das »Erkenne dich selbst!« oder »Erkenne, was Du bist!« ist in der Tat das, was – vor allem anderen – notwendig und notwendend ist. Ohne dieses Erkennen wird es keinen Frieden geben, weder einen im Herzen noch einen im Handeln.

Für mich selbst darf ich also von diesem neuen Jahr erwarten – und hoffen, nicht mehr all zu lange darauf zu warten –, dass der eine Raum, an dem alles hängt, nun endlich den für ihn vorgesehenen Boden bekommt und seine Fertigstellung ihren Abschluss findet. Alsdann können auch alle anderen Räume ihrer Funktion gemäß aus- und eingeräumt und ein- und ausgerichtet werden. Dann kann die »Quelle der Stille« in sich einladen und ich mich ganz ihrer Verinnerlichung widmen.

Ich wünsche dir ein wunderbares und segensreiches Jahr 2023!

Mögest Du erkennen und Frieden finden!

Von Herzen,
Henning (Sabo)

(Henning Sabo)

Michal Stahel – »Song of Solitude«

Letzten Abend, letzte Nacht habe ich sie ganz bewusst genossen und gepflegt, habe sie ausgeübt und bin darin eingekehrt: Stille und Einsamkeit.

Frieden hat mich erfüllt, und ebenso Mitgefühl für eine Menschheit, die des Friedens nicht fähig scheint. Weder jenem in ihren Handlungen noch jenem in ihrem Herzen.

Glückseligkeit wohnt auch im Unglück, und die Gnade der Zärtlichkeit trägt ebenso jenes, das nicht zu ertragen ist.

Ich habe eine wunderbare Musik (komponiert und gespielt von Michal Stahel) gefunden, die all dem einen Ausdruck gibt:

Michal Stahel – »Song of Solitude« (Cello solo)