Hoch den Becher!

Hoch den Becher! (eine Pathologie des Pathos)

Dem Pathos ist es wurschtegal,
An wen berauscht es sich verschwendet,
Verwurzelt tief in Eigenleid und -qual,
Ist Unmaß das, worin es stetig endet.

Es plant die Geste, will das Große:
So mickrig dürfen Volk und Welt nicht sein!
Es sucht die Pracht, es liebt die Helden-Pose:
Ach, ins Uferlose! … Und ist’s auch bloß zum Schein.

So hurt es sich an jeden Herd, in jede Hütte,
So schleimt es sich in jedes Herz und jedes Heim;
So spricht es heilig selbst Abort und Bütte
Und sabbert eitrig seinen Schaum und Seim.

Es reimt wie wild, setzt Stein auf Schrein, hetzt Krieg auf Krieg,
Gut ist das Blut – und endlich pur bleibt alle Diktatur;
So wächst aus Schund und Schmonz heran ein letzter Sieg,
Und Kitsch und Kacke wird versteigert bis zur Hochkultur.

Weh, wem es zu sich wendet und gar zu sich neigt:
Was es sich zugeeignet, wird sogleich vergeigt!
Es krönt Banales zum Fanal, entehrt ins Hehre –
So wird auch Schönes schal und aus der Anmut Schwere.

Drum, Dichter, wenn dir etwas wirklich heilig ist,
Dann ehre nüchtern es mit einem leisen Wort,
Denn wo das Pathos herrscht, die Stimmung Hymnus hisst,
Da täuscht das Herz und trägt zu falschen Führern fort.

(Henning Sabo)

Frédéric Chopin – »Klaviersonate Nr. 2, b-moll, Op. 35«

Der Link zum Sonntag:

Da ich heute ein Stück von Frédéric Chopin vorstellen wollte und wir vor zwei Tagen meine Mutter beerdigt haben, habe ich das Naheliegendste gewählt und seine Klaviersonate Nr. 2 mit dem bekannten Trauermarsch ausgesucht – nicht allein deshalb gewiss eines der wunderbarsten Werke dieses Komponisten.

Auf der Suche nach einer Live-Aufnahme bin ich bei dieser Einspielung von Ivo Pogorelich »hängen geblieben«, die ich wirklich herausragend finde:

Frédéric Chopin – »Klaviersonate Nr. 2, b-moll, Op. 35«

Alle Gräser sind gleich

Alle Gräser sind gleich.
Doch die, die wurzeln und die wachsen
Dort, wo die Sonne ungehindert scheint,
Die werden wohl verbrennen.

Alle Gräser sind gleich.
Doch die, die wurzeln und die wachsen
Dort, wo ein Schatten in den andern fällt,
Die werden wohl verkümmern.

Alle Gräser sind gleich.
Doch die, die wurzeln und die wachsen
Dort, wo ein Wesen seinen Hunger stillt,
Die werden wohl gefressen.

Alle Gräser sind gleich.
Doch die, die wurzeln und die wachsen
Dort, wo sich eine Herde neue Wege sucht,
Die werden wohl zertreten.

Alle Gräser sind gleich.
Doch ihr Wurzeln und ihr Wachsen
Sind niemals die gleichen.

(Henning Sabo)