Könntur

Wir könnten ja so tun,
Als könnte uns nichts tun,
Und könnten so sein,
Als könnten wir sein.

Wir könnten uns denken
Als nichts als nur Lieben;
Wir könnten uns schenken,
Uns vorzuenthalten.

Wir könnten uns zeigen
Das innige Innen,
Einander erinnern,
Uns jetzt zu beginnen.

Wir könnten es lassen,
Ein Urteil zu sprechen,
Und könnten vergessen,
Den Kleinmut zu rächen.

Wir könnten bestehen
Im gänzlich Vergehen,
Uns endlich erheben
Im steten Ergeben.

Wir könnten ja so tun,
Als bliebe nichts zu tun,
Und könnten so sein,
Als wären wir Sein.

(Henning Sabo)

Entkernung

So scheint denn alles Meinen
Sich wie von selbst zu fernen –
Als gäb’ es nirgends keinen
Und nichts unendlich zu entkernen …

Nichts weiter bleibt zu lernen,
Als alles Sein entscheinen;
Es sucht das Herz sich zu besternen,
Zu finden sich im Einen.

(Henning Sabo)

Caetano Veloso – »Minhas Lágrimas«

Der Link zum Sonntag:

Von Caetano Veloso, einem der bekanntesten Sänger Brasiliens, möchte ich heute den Titel »Minhas Lágrimas« (»Meine Tränen«) vorstellen, ein sehr poetisches Lied, das ich, des Portugiesischen in keiner Weise mächtig, bisher nirgendwo überzeugend übersetzt gefunden habe. Der Text ist sehr kurz, und am Ende heißt es: »Nichts dient als Boden, an dem meine Tränen fallen«.

Caetano Veloso – »Minhas Lágrimas«

Dieses ist Eines

Ich muss nichts lassen,
Dass es geht,
Ich muss nichts zwingen,
Dass es steht.
Ich muss nichts fassen,
Um es zu erhalten,
Muss in nichts dringen,
Um es zu entfalten.

Es ist und ist,
Und ist von ganz allein,
Ist einzig All,
Und kennt nicht dein noch mein.
Nichts, das erwägt, nichts, das ermisst,
Nicht gut noch schlecht, nicht groß noch klein;
An keinem Ort, doch überall,
Dem Vielen viel, dem Einen Ein.

Ich bin der Raum,
Der ewig nur sich selbst begrenzt;
Erleuchtet in ein Unermessliches,
Das nichts bezeichnet und nichts trennt.
Die Welt ist Traum,
Dem jeder Nu sich still entgrenzt.
Es kehrt nun heim ein Selbstvergessenes
In das, das es beim Namen nennt.

(Henning Sabo)

Minne

Das Auge mag erfassen,
Die Hände es ermessen –
Ich aber lasse mich besinnen
Und schaue dich von innen.

Die Nase mag entdecken,
Die Zunge es erschmecken –
Ich aber lasse mich besinnen
Und schaue dich von innen.

Die Haut mag übertragen,
Der Mund es nicht versagen;
Ich aber lasse mich besinnen –
Und schaue dich von innen.

(Henning Sabo)

Inne

So leuchtet in der Stille
Der Segen jedem Sinne,
Der sich an alles Außen gibt;
Als streute die Pupille,
Des Augenblickes inne,
Das Licht durch Leid und Lid.

So leuchtet in der Stille
Der Segen, der sich inne,
Durch alles, das einander liebt;
Dass fern von Macht und Wille
Die Stimme sich besinne,
Zu singen ihr bestimmtes Lied.

(Henning Sabo)

Dieses ist Deines

Hasse nicht jene, die einfältig lieben!
Kehre heim bis zum Grund deines eigenen Liebens
Und lasse – nun endlich unendlich – es frei!

Überhebe dich nicht über die, die sich geben!
Traue dich an, werde Teil ihres Mutes
Und diene in Demut dem heiteren Sei!

Verrufe nicht, was da spricht im Gewissen!
Erkenne und wisse: Dieses ist Eines –
Nichts ist Entgegen, nichts ist da Zwei!

(Henning Sabo)