Hoch den Becher!

Hoch den Becher! (eine Pathologie des Pathos)

Dem Pathos ist es wurschtegal,
An wen berauscht es sich verschwendet,
Verwurzelt tief in Eigenleid und -qual,
Ist Unmaß das, worin es stetig endet.

Es plant die Geste, will das Große:
So mickrig dürfen Volk und Welt nicht sein!
Es sucht die Pracht, es liebt die Helden-Pose:
Ach, ins Uferlose! … Und ist’s auch bloß zum Schein.

So hurt es sich an jeden Herd, in jede Hütte,
So schleimt es sich in jedes Herz und jedes Heim;
So spricht es heilig selbst Abort und Bütte
Und sabbert eitrig seinen Schaum und Seim.

Es reimt wie wild, setzt Stein auf Schrein, hetzt Krieg auf Krieg,
Gut ist das Blut – und endlich pur bleibt alle Diktatur;
So wächst aus Schund und Schmonz heran ein letzter Sieg,
Und Kitsch und Kacke wird versteigert bis zur Hochkultur.

Weh, wem es zu sich wendet und gar zu sich neigt:
Was es sich zugeeignet, wird sogleich vergeigt!
Es krönt Banales zum Fanal, entehrt ins Hehre –
So wird auch Schönes schal und aus der Anmut Schwere.

Drum, Dichter, wenn dir etwas wirklich heilig ist,
Dann ehre nüchtern es mit einem leisen Wort,
Denn wo das Pathos herrscht, die Stimmung Hymnus hisst,
Da täuscht das Herz und trägt zu falschen Führern fort.

(Henning Sabo)

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