Die Ankunft

Dort, wo auf den Anzeigetafeln immer die Zielorte der Züge stehen, war auf dem übernächsten Bahnsteig jetzt lediglich »Ankunft« zu lesen. Ganz offensichtlich nicht der Name einer Stadt und als Begriff wohl eher abstrakt, dennoch schien mir dieses Wort wie ein Versprechen, wie die Einlösung eines lange Gesuchten. Es ging eine seltsame Anziehung von ihm aus und ich konnte nicht umhin, immer wieder dorthin zu sehen. Auf dem Gleis stand ein überlanger Zug, sein Ende war für mich nicht auszumachen, aber außer dem Lokführer und einem Schaffner, die beide in der Führerkabine standen, konnte ich in keinem der Wagen jemanden entdecken.

Als Abfahrtszeit war 9.36 Uhr angegeben, das war in zwei Minuten. Ich überlegte, meine Pläne zu ändern, ganz spontan dort hinüberzugehen, in den Zug zu steigen und einfach mitzufahren. Aber nein, ich hatte ja einen Termin, war zuverlässig und würde nicht einmal zu spät kommen. Außerdem war es ja Unsinn und viel zu gefährlich, sich auf so etwas einzulassen. Logisch gesehen würde »Ankunft« gewiss eh nur bedeuten, dass dieser Zug hier endete und man gar nicht erst in ihn einsteigen sollte. Das schien mir plausibel und würde auch erklären, warum sich keinerlei Fahrgäste in ihm befanden. Mich aber hatte eine innere Unruhe ergriffen und ich hatte begonnen, auf dem Bahnsteig auf und ab zu laufen. Schließlich, der Zeiger sämtlicher Uhren war gerade einen Strich weiter geglitten, rannte ich los, die Treppe hinab, durch den Gang, die Treppe hinauf, zur Tür des Zuges und schnell auf den Öffnungsknopf gedrückt – und tatsächlich, mit einem vernehmbaren Zischen öffnete sie sich. Eilig stieg ich ein und blieb erst einmal keuchend im Eingang stehen; kaum hatte sich die Tür geschlossen, setzte der Zug sich in Bewegung.

War tatsächlich niemand sonst in diesen Zug gestiegen? Würde ich wirklich als Einziger mit ihm fahren? Mich packte der Ehrgeiz, das zu überprüfen. Ich hoffte insgeheim, mich geirrt zu haben und zumindest einen anderen Menschen anzutreffen – ebenso neugierig wie ich selbst, herauszufinden, wo wir schließlich ankommen würden. Das erste Abteil bis zum Führerstand konnte ich einsehen, doch da saß niemand drin. So ging ich weiter nach hinten und durchstreifte Wagen nach Wagen, öffnete selbst die Toilettentüren, für die Anwesenheit eines Anderen aber konnte ich nirgendwo ein Indiz – eine Tasche oder eine Jacke zum Beispiel – entdecken. Zu meiner Überraschung aber gab es auch kein Indiz dafür, dass zuvor jemand mit diesem Zug gefahren war, nirgendwo lag irgend welcher Müll herum, keine Verpackungen, keine gelesenen Zeitungen, keine leeren Dosen oder Plastikflaschen.

In der Tat schien der Zug kein Ende zu nehmen und mir ging langsam jegliches Zeitgefühlt verloren. Je länger es dauerte, umso mehr wünschte ich mir nur noch das Eine, so schnell wie möglich ans Ende des Zuges zu gelangen. Ich spürte, wie ich immer mehr ermüdete und zunehmend unkonzentriert und unaufmerksam wurde. Irgendwie schien mir die ganze Aktion allmählich auch absurd und ohne Sinn, ich glaubte nicht wirklich mehr daran, hier irgendjemanden vorzufinden, im Grunde hatte ich die Hoffnung längst aufgegeben, und so stapfte ich unlustig von einem Abteil zum anderen, von einem Waggon in den nächsten.

Aber mit einem Mal wurde ich plötzlich gewahr, dass ich im letzten Abteil angelangt war. Durch die Tür am Ende war jetzt das Draußen zu sehen, das Gleis, über das wir soeben hinweggefahren waren, ein ebenso bleibendes wie flüchtiges Sinnbild alles Vergangenen. So nahm ich noch einmal all meine Entschlossenheit zusammen, bereit, in letzter Sekunde doch noch ganz überraschend auf das Unerwartete zu stoßen. Überaus langsam schritt ich die letzten Reihen der Sitze ab, blickte prüfend nach links und nach rechts, bückte mich sogar zuweilen, um darunter entlang zu schauen, konnte aber auch hier nichts Auffälliges oder Verräterisches entdecken. So bin ich schließlich ganz am Ende angekommen, vor der letzten Tür, die sich weder öffnete noch zu öffnen war. Nein, es war tatsächlich niemand sonst in diesen Zug gestiegen, niemand außer mir hatte ihn betreten, niemand wollte nach Ankunft reisen.

Ich war ein wenig enttäuscht, vielleicht sogar frustriert, und spürte in mir so etwas aufsteigen wie eine tiefe Einsamkeit. Ich setzte mich und blickte nach draußen. Bei meinem Gang durch den Zug hatte ich überhaupt nicht mehr wahrgenommen, wohin wir gefahren waren. Ich nutzte oft und regelmäßig die Bahn, auch in jene Richtung, in die wir aus dem Bahnhof hinausgefahren waren, und so suchte ich jetzt nach Anhaltspunkten, um herauszufinden, wo wir uns gerade befanden. Ich schaute eine ganze Weile, konnte aber nichts mir Vertrautes entdecken. Wir schienen durch ein kaum besiedeltes Gebiet zu fahren, passierten also keine Ortschaften, an deren Silhouetten ich mich erinnerte, keine Bahnhöfe, deren Schilder ich beim Durchfahren zwar nicht lesen, aber doch zu mir bekannten Namen hätte ergänzen können. Nichts Typisches oder Markantes tauchte auf, nichts, aus dem sich eine genaue Postion hätte erschließen lassen oder ergeben müssen. Wir fuhren durch eine Landschaft, wie sie überall hätte sein können, und doch war es keine, die mir bekannt vorkam. Ich wusste also weder, wo wir gerade waren, noch, wohin wir fuhren.

Durch die Glastüren hindurch sah ich ihn schon von Weitem kommen; der Schaffner war offenbar unterwegs, den Zug – wie ich eben zuvor – von vorne nach hinten zu durchstreifen; vielleicht ebenso in der vagen Hoffnung, einen Reisenden vorzufinden und dessen Fahrkarte kontrollieren zu können. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich ja gar keine Fahrkarte besaß; zumindest keine für diese Strecke, keine für dieses Ziel, wo immer es auch läge. Mich überfiel eine kleine Panikattacke und ich holte mein Portemonnaie aus der Hosentasche – aber ok, es war alles da, Bargeld, Bankkarte, Kreditkarte, das würde wohl genügen, auch höhere Beträge zu begleichen. Ich spürte, wie die Panik sich verflüchtigte und ich mich allmählich beruhigte und entspannte. Stattdessen ergriff mich ein freudiges Erregen, eine Lust auf das Abenteuer und das Unbekannte, darauf, nicht zu wissen, was mich als nächstes erwartete. Mit Spannung und gar etwas Übermut sah ich der Begegnung mit dem Schaffner entgegen.

Der war schon dabei, das letzte – also das meine – Abteil zu betreten, dessen Türen sich gerade geöffnet hatten. Sein Blick, als er mich sah, war seltsam sonderbar, zum einen schien er überrascht, jemanden zu sehen, aber zum anderen schien er mich durchaus erwartet zu haben.

»Guten Morgen!«, begrüßte ich ihn freundlich, »Ich hatte leider keine Zeit, eine Fahrkarte zu kaufen und muss nachlösen. Ich möchte gerne nach Ankunft, hin und zurück!«
»Zurück?«, fragte er ungläubig.
»Ja, natürlich zurück«, sagte ich, »es soll ja nur ein kurzer Abstecher sein. Was wird das kosten?«
»Die Fahrt ist umsonst!«, sagte er.
»Umsonst? Ich muss also nichts bezahlen?«
»Das habe ich nicht gesagt«, erwiderte er.
»Wann werden wir denn ankommen?«, fragte ich.
»Ankommen?«, entfuhr es ihm mit einem Lachen, das wie ein kurzes Grunzen klang.

Einen Moment lang sah er mich ziemlich verständnislos an, wandte sich dann ab, prustete, kicherte, lachte, und ging mit eiligen Schritten durch den Gang davon. Immer lauter schien sein Lachen zu werden, es war noch aus dem nächsten Abteil deutlich zu hören, obwohl die Türen hinter ihm sich schon geschlossen hatten. Er lachte immer weiter und weiter und entfernte sich immer weiter und weiter – bis ich ihn nicht mehr sehen konnte und auch sein Lachen nach und nach verhallte.

Nur noch das leichte, rhythmische Pochen über den Schwellen war jetzt zu hören, und draußen sah ich die Landschaften gleich den Wolken aufeinanderfolgen und ineinander übergehen.

(Henning Sabo)

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