Außer Druck

Ich habe mir ein großes Lexikon gekauft.
Gebraucht, denn es ist schon lange nicht mehr in Druck.
In ihm sind alle Filme aufgeführt, die im Verlauf von 50 Jahren erschienen sind.
Die Bücher sind auf dem Stand von vor zwanzig Jahren, und zu dieser Zeit sind sie auch gedruckt worden.
Sie haben die typische Farbe von alten Büchern angenommen, sind nachgedunkelt, wie man so sagt, eher braun als creme.
Ansonsten sind die Bücher sehr gut erhalten, es scheint, als wären sie kaum gelesen oder benutzt worden.
Ich vermute, dass ich selbst sie auch kaum benutzen werde.
Die meisten Filme sind es nicht wert, angeschaut zu werden – und noch weniger, in Erinnerung zu bleiben.
Die wenigen, die mir etwas bedeuten, sind mir bekannt – und es bedürfte keiner Lexika, sie für mich präsent zu halten.
Ich habe das Lexikon also wohl nicht für mich gekauft, sondern dafür, es anderen zur Verfügung zu stellen.
Wie ein Angebot, das man in Anspruch nehmen kann – oder darauf verzichten.
Ein Angebot, um etwas nachzuschlagen – oder auf etwas aufmerksam zu werden.
Jetzt werde ich erst einmal einen Platz finden müssen, damit es diesen dann auch einnehmen kann.
Im Moment liegen die Bücher, zehn an der Zahl, noch auf zwei Stapeln neben meinem Arbeitsplatz herum.
So nehme ich manchmal eines davon auf und blättere darin.
Zuweilen finde ich einen mir bekannten Film oder einen, an den ich mich aufgrund der Beschreibung wieder erinnern kann.
Insgesamt aber bin ich eher überrascht, wie viel ich nicht weiß und von wie vielem ich noch nie gehört habe in meinem Leben.
Jetzt darüber zu lesen, gibt mir die Gewissheit, es auch gar nicht wissen zu müssen.
Über den Vorbesitzer der Bücher habe ich auch ein wenig erfahren.
Er hat etwas in den Büchern hinterlassen und sie auf seine Art genutzt.
In allen Bänden – ich habe sie extra daraufhin untersucht – waren zwischen mehreren Seiten vierblättrige Kleeblätter eingelegt.
Offenbar hat er diese darin gesammelt.
Echter Klee, nicht der, den man für gewöhnlich zu Silvester verschenkt.
Gut getrocknet inzwischen und wahrscheinlich schon lange vergessen.
Ich habe ihn hervorgeholt und alle Blätter nebeneinander gelegt.
Obwohl sie einander sehr ähnlich sind, ist doch keines dem anderen gleich.
Unter echtem Klee sind vierblättrige Blätter tatsächlich eher selten zu finden.
Dafür braucht es Glück, weshalb vierblättriger Klee auch als Glücksbringer gilt.
Nehme ich jeden der so vorgefundenen nun als einen solchen, so kann ich wohl allem gelassen entgegenblicken.
Das Glück scheint zu mir zu kommen und bei mir bleiben zu wollen.
Manchmal muss ich dafür eben ein Lexikon kaufen.
Ohne die Gründe dafür zu kennen.

(Henning Sabo)

2 Gedanken zu “Außer Druck

  1. Glücksklee Grüße,
    Nannette

    :))

  2. uwe hoppe sagt:

    Wie schön, dieses lexikon hat einen zweck erfüllt, den es als sammlung von wissen sich niemals hat träumen lassen.
    Auf unbeabsichtigte art enthält es ein symbol für glück.
    Und das glück kennt keine absicht, niemals nicht.
    Wie du weißt mein freund, das glück ist da, immer und ohne ausnahme ist es da und wie die sonne hinter den wolken ist es selbst hinter schmerz und leid vorhanden.
    Und die wunderbarste erkenntnis:
    du bist das glück,
    du bist dein glück,
    nicht weniger
    aber auch nicht mehr.

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