Am seidenen Faden

Heute in der Straßenbahn saß ich unmittelbar hinter einem der Gelenke im Boden, über denen sich an der Decke und an den Seiten die großen Falten-Bälge befinden, die sich in den Kurven entweder zusammen- oder auseinanderziehen.

Ich saß schon eine ganze fahrende Weile so da, da wurde mir, etwa einen halben Meter vor mir, genau auf Höhe meiner Augen eine kleine, gelbgrüne Raupe gewahr. Sie hing an einem dünnen Faden an einer der Decken-Falten und hing einfach so da. Sie schien sich selbst nicht zu rühren, doch das gelegentliche Ruckeln und Schaukeln der Bahn ließ ihr feines Gewicht an ihrem Faden sich wie ein Pendel hin- und her bewegen. Immer, wenn das geschah und ich sie so sah – und ich konnte meinen Blick gar nicht von ihr wenden –, begann ich selbst wie von selbst mich mit ihr in ihren Rhythmen ganz sanft hin- und her zu wiegen.

Irgendwann ging so etwas wie ein Ruck durch das kleine Lebewesen, das nun begann, sehr entschlossen den Faden empor zu klettern. Dafür krümmte es – in einer Bewegung, die trotz seiner geringen Größe so etwas wie Kraft und Vitalität ausstrahlte – das untere Drittel seines Leibes in einem Bogen nach außen, um sich dann in der ganzen Länge nach oben zu schnellen. Das wiederholte die Raupe nun wieder und wieder, und während ich ihr zusah und die Anstrengung, die sie das kostete, wie mit meinem eigenen Körper spürte, schien es mir fast wie ein Wunder, wie behände und schnell sie diese Stecke zurücklegte, die für sie doch eine recht lange sein musste.

Ich begleitete ihren Weg nach oben mit meinen Blicken und fragte mich, wo sie wohl ankommen würde, denn von mir aus war nicht zu erkennen, wo genau der Faden dort anknüpfte. Plötzlich, als wir gerade wieder losfuhren, kam ein junger Mann – er war wohl eben erst zugestiegen – den Gang von vorne entlang und stellte sich just an die Stelle unterhalb der Raupe. Hätte sie noch da gehangen, wo sie eben noch hing, der junge Mann – er hätte sie gewiss nicht gesehen – hätte wohl unweigerlich ihren Faden zerrissen oder wäre mit ihr zusammengestoßen. Erleichtert, dass das nicht geschehen war, blickte ich wieder nach oben, um zu schauen, bis wohin die Raupe inzwischen gekommen war. Aber ich konnte sie nicht mehr entdecken, sie war und blieb verschwunden.

Die Zeit, bis ich wieder ausstieg, ich musste bis zur Endstation fahren, war erfüllt von Gedanken und Sorgen um die kleine gelbgrüne Raupe irgendwo da oben. Was würde wohl aus ihr werden? Würden wir uns jemals wiedersehen? Schließlich waren wir beide in diesen kurzen Momenten gemeinsamen Daseins, in denen wir still vereint uns hin- und herschaukeln ließen, doch echte Freunde geworden; Verbundene, Verbundene fürs Leben.

(Henning Sabo)

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