Einmal

Einmal werden wir gehen
Und nicht mehr wiederkommen

Was wird mit jenem dann geschehen
Das wir nur einen Augenblick verlassen wollten
Um schon im nächsten wieder zu ihm heimzukehren?

Was wird dann werden aus all dem
Das wir um uns versammelt haben
Und das doch nur durch uns zusammenhing?

Wird es bleiben? Bleiben dürfen? Bleiben wollen?
Wird es sich zerstreuen? Sich verlieren? Sich entfremden?
Wird es einfach weiter leben? Sein, vergessen, existieren?
Wird es sich erinnern? Wird ihm etwas fehlen?

Wird es jemand achten? Und zu schätzen wissen?
Wird es jemand wahren? Wird es jemand lieben?
Wird es sich verbergen können? Eine neue Heimat finden?
Wird es sich verändern? Würden wir es noch erkennen?

Einmal werden wir gehen
Und die Antwort nicht mehr erfahren

(Henning Sabo)

Ein paar Momente

Des Bemerkens wert:

Ich sitze unter Linden unter einem Sonnenschirm in einem Biergarten. Sobald ein Lüftchen durch die Bäume geht, fallen Lindensamen auf die Sonnenschirme – das klingt wie ein linder Regen, wie vereinzelte Tropfen. Um die Tische herum stehen Kübel mit kegelförmigen Koniferen. In diesen haben sich schon zahlreiche der Lindensamen verfangen – und das lässt sie wie Christbäume anmuten.

Ein Mann kommt mir entgegen, in der einen Hand einen kleinen Ball, offenbar für Kinder, in der anderen Hand einen großen Apfel, schon etwas abgegessen. Ein kleiner Ball, ein großer Apfel, sie haben beide die gleiche Größe, deshalb fällt es besonders auf und gibt dem ganzen Ensemble – Mann, Ball, Apfel – eine witzige Note; aber nicht die gleiche Farbe, denn der Ball ist blau, der Apfel rot. Und seltsam, an die Farbe des Mannes (seiner Hose, seines Hemdes) kann ich mich nicht mehr erinnern, nur, dass sein Bauch kugelrund war; so wie der eines Balles – oder der eines Apfels.

Auf einem Schild vor den Verkehrsbetrieben am Hauptbahnhof steht: »Heute im Angebot: Herunterladen vom USB-Stick«. »Aha«, denke ich und verstehe nur Bahnhof.

Ein Schuhladen wirbt im Fenster mit einem Schild: »Chick Schuhe«. »Was ist das denn?«, frage ich mich: »Schuhe für Hühnerfüße?«

Zug-Impressionen

Des Bemerkens wert:

Ich fahre gerne Bahn. Es ist so viel zu sehen … Und zu erkennen!

Ich sitze auf dem Fernbahnhof im Frankfurter Flughafen, zwei Gleise zwischen zwei Autobahnen, und höre plötzlich Vogelzwitschern. Wie ist das mit dem Trauen der Ohren? Dann »sehe« ich, dass die Geräusche aus einem Smartphone kommen, das eine Mutter ihrer kleinen Tochter vor die Augen hält und in dem ein winziger Trickfilm läuft. Willkommen in der virtuellen Welt!

Eine Frau, die mit zackigen Schritten und rudernden Armen sich ihren Weg durch das Zugabteil »bahnt« und dabei, den Kopf leicht gesenkt, weder nach rechts noch nach links sieht.

Ein junger Mann, der ganz lässig durch die Tür geht, die gerade automatisch zugeht, und es gerade noch schafft. Das auch bei der nächsten versucht, die aber diesmal schneller ist und sich unmittelbar vor ihm schließt, sodass er stark abbremsen muss und fast gegen sie prallt. Das Ganze scheint wie aus einem Slapstick-Film genau getimt und so auf den Punkt, dass ich unwillkürlich lachen muss.

Ein Mann, einen großen Kopfhörer im Nacken, geht aus dem Großraumabteil in den Gang, offenbar in der Absicht, die Toilette zu suchen. Er geht unmittelbar an ihr vorbei, ohne sie zu sehen, sucht sie dann unmittelbar dahinter, ohne sie zu finden, gibt auf und geht schließlich in den nächsten Wagen.

Ein anderer Mann, überrascht, dass der Zug schon in seinen Aussteigebahnhof einläuft, schultert schnell seinen riesigen Rucksack und hat keine Zeit mehr, an sein Nackenkissen zu denken, es abzunehmen und einzupacken, so dass es jetzt zwischen Hals und Rucksack liegt.

Ein kleines Kopfkissen liegt zwischen Mutter und Tochter, zwischen ihren Köpfen, die einander zugeneigt auf jeder Seite des Kissen lehnen; welch friedliches Bild, wie sie so schlafen.

Draußen stehen friedlich auf einer Wiese lauter Kühe mit kleinen Kälbern, die meistens unter ihnen in ihrem Schatten liegen.

An dem Gleis, auf dem schon seit ein paar Minuten ein ICE steht, steht auf den Anzeigetafeln »Zugdurchfahrt«.

Auf einem kleinen Bahnhof gehen die Uhren verschieden. Während bei Gleis 2 die Uhr schon eine Minute weiter gesprungen ist, muss man bei der an Gleis 1 noch 10 Sekunden darauf warten. Würde sich – je nachdem – also ein Gleiswechsel anbieten?

Eine Reisende
Sie scheint sympathisch zu sein –
Doch dann zündet sie sich eine Zigarette an.

Ein Reisender
Oh, schreibt er auch Gedichte?
Nein, nur Termine.

In manchen Gegenden häufen sich bemerkenswerte Ortsnamen:
Wüstenbrand
Grüna
Flöha
Oederan
Frankenstein
Kleinschirma
Muldenhütten
Edle Krone
Potschappel
Alle auf einer Strecke und in dieser Reihenfolge, und mit nur wenigen anderen Namen dazwischen.

Alles ist durchdrungen von unermesslicher Schönheit und drückt diese aus; nur die Menschen scheinen sich ihrer zu schämen und dieses Bestreben zu kennen, sich hässlich zu machen.

Mein Traumberuf: Wolken-Schauer. Nein, kein platzender Regen, sondern ein stilles Betrachten.

Unvermeidlich

Version 1:

Du wolltest immer:
Vermeiden

Und jetzt, am Ende
Musst Du erkennen:
Vermeiden ist immer
Vermeiden von Leben

(Henning Sabo)

Version 2:

Du wolltest immer:
Vermeiden

Und jetzt, am Ende
Musst Du erkennen:
Vermeiden ist immer
Vermeiden, zu leben

(Henning Sabo)

Des Menschen Ist

Der Sinn des Menschen ist
Schöpferisch tätig zu sein
Und nicht, einer Tätigkeit nachzugehen

Das Sein des Menschen ist
Sich in der Arbeit zu erkennen
Und nicht, einen Arbeitsplatz zu haben

(Henning Sabo)

Ist oder Nicht-Ist …
Das ist hier …

Henning (ohne Frage)

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