Giovanni Albini – »Testamento Spirituale«

Der Link zum Sonntag:

Giovanni Albini ist ein recht unbekannter moderner (geboren 1982) Komponist und Musiktheoretiker mit einer Vorliebe für mathematische Ästhetik, nicht-lineare Kompositions-Systeme, algorithmische Musik und Soundtracks für interaktive Medien.

Das mag schlimmer klingen als es ist, einige seiner Werke lassen sich gut hören, nicht aber unbedingt »nebenbei«, man sollte schon recht entspannt sein und sich wirklich auf sie einlassen wollen.

Ich habe die Komposition »Testamento Spirituale« aus dem Jahr 2013 ausgewählt, ein etwa 14 Minuten langes Quartett für Windinstrumente (Flöte, Oboe, Klarinette und Bassetthorn), gespielt wird es hier vom »15.19ensemble«.

Giovanni Albini – »Testamento Spirituale«

Ebender

Die Zeit will nicht vergehen,
Sie bleibt – und also stehen;
Es wandelt nichts mehr hin noch her,
Fällt alles ab, und doch nicht schwer.

Bleibt keine Welt – und nichts bestehen,
Es ist ihr Werden ihr Vergehen.
Der Augenblick kennt kein Woher,
Er fragt nicht: Was? Und auch nicht: Wer?

Du siehst es ein – und kannst es doch nicht sehen;
Es ist so viel, und ist doch nichts geschehen.
Ist einfach: so, und auch: so sehr;
Und der Moment ist ebender.

(Henning Sabo)

Bronski Beat – »Smalltown Boy«

Der Link zum Sonntag:

1984/1985 lebte ich in Köln und sah dort eines Tages auf einem Plakat die Konzert-Ankündigung einer Gruppe mit Namen »Bronski Beat«. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, was für Musik sich hinter diesem seltsamen Namen verbarg – leider, denn sonst wäre ich gewiss zu diesem Konzert gegangen. Nur wenig später kam mir ihr Lied »Smalltown Boy« zu Ohren, auf das ich dann, wie man so sagt, ziemlich »abgefahren« bin, toller Text, toller Gesang, tolle Beats und tolle Melodie!

Auf ihrer LP »The Age Of Consent« waren noch einige andere schöne Titel, aber »Smalltown Boy« war und blieb etwas ganz Besonderes. Vor allem in der hier vorgestellten neunminütigen Extended-Version gehört es immer noch zu meinen absoluten Lieblings-Tanz-Liedern. Es ist eines jener Stücke, bei denen einfach alles stimmt. Das liegt gewiss auch an seinem Text. Normalerweise kann ich mir Texte nicht wirklich merken, diesen hier aber kann ich immer noch auswendig:

You leave in the morning with everything you own in a little black case;
Alone on a platform, the wind and the rain on a sad and lonely face.
Mother will never understand why you had to leave,
But the answers you seek will never be found at home,
The love that you need will never be found at home.
Run away, turn away, run away, turn away, run away!
Run away, turn away, run away, turn away, run away!
Pushed around and kicked around, always a lonely boy;
You were the one that they’d talk about around town as they put you down.
And as hard as they would try they’d hurt to make you cry,
But you never cried to them, just to your soul,
No, you never cried to them, just to your soul.
Crying to your soul, crying to your soul, crying to your soul …

Jimmy Somerville, der Sänger von Bronski Beat, der sich schon bald wieder von der Gruppe trennte und das längst nicht so kreative Duo »The Communards« gründete, schrieb diesen Text zwar mit seinem homosexuellen Hintergrund, aber da der Text selbst keinen eindeutigen Bezug herstellt, ist er offen und universell und auch das »the love that you need will never be found at home« kann von jedem Menschen auf seine Art gelesen werden. Ich konnte da immer meine – wie ich dann ja später erkannte – im Außen unerfüllte spirituelle Sehnsucht meiner Jugend hineinlegen und heraussingen (»just to your soul«); und sie dann »abtanzen«.

Bronski Beat – »Smalltown Boy« (12″ Extended)

Enttäuschung

So fällt nun in Eines,
Was fiel in ein Zweites
Und täuschte sich vor.

Was suchte in jedem
Und fehlte in allem,
Es findet sich vor.

So scheint nun entdeckt
Und wiedererweckt,
Was nie sich verlor.

Was immer erkennt,
Sich selbst nur erkennt:
Ein torloses Tor.

(Henning Sabo)
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