Geschichte

Alle Geschichten
Fallen einst der Geschichte
Anheim

Die ja selbst schon Geschichte,
Denn nur, weil wir sie halten,
Scheint sie zu sein

Alle Geschichte
Fällt einst den Momenten
Anheim

Und dann,
Weil nichts anderes bleibt,
Sind wir ganz Sein

(Henning Sabo)

Moment

Sein Entfalten
Ist sein Zerfallen;
Im Ersuch, ihn zu halten,
Entschwindet er allen.

Und ist doch um jedes
Eben das, was er ist:
Der Moment, der als alles
Im Moment sich vergisst.

(Henning Sabo)

Wissende Wasser

Die Wellen schauen:
Das Meer erkennen:
Das Wasser wissen.

Wie viele Wellen scheint es zu geben!
Wie viele Namen, wie viele Formen!
Das Auf und das Ab, das Tal und der Berg,
Die Woge, das Seichte, die Gründe, die Krone,
Die Flut und die Ebbe, die Brandung, die Gischt –
Und kaum, dass du eine erfasst,
Da löst sie sich auf und erlischt
In ihr so weiches Entgrenzen …
Und es bleibt dir kein Tropfe erhalten.

Die Wellen schauen:
Das Meer erkennen:
Das Wasser wissen.

(Henning Sabo)

Fügung

Wenn wir uns fügen,
Wie alles sich fügt!
Und wenn wir es tragen,
Wie leicht es uns trägt!

Wenn wir gewahren,
Wie sind wir gewährt!
Und wenn wir bewahren,
Wie schenkt es uns Wert!

Wenn wir es geben,
Was uns gegeben,
Und wenn wir es leben,
Weswegen wir leben,

Dann sind wir ein Freier,
Dem alles sich freit,
Und wir lieben wie Einer,
Dem nichts sich entzweit.

(Henning Sabo)

Black – »Wonderful Life«

Der Link zum Sonntag:

Heute eine Erinnerung an den vor zwei Jahren verstorbenen Musiker, Komponisten und Sänger Colin Vearncombe und sein 1987 unter dem Namen »Black« veröffentlichtes Album »Wonderful Life«, das wirklich diese Stimmung eines »wundervollen Lebens« verbreitet und einfach gute Laune macht.

Obwohl Vearncombe nie wieder an den Erfolg dieses Albums anknüpfen konnte, hat er mit diesem doch einen Klassiker geschaffen, eines jener Werke, das auch nach Jahrzehnten noch in sich stimmig und immer wieder frisch erscheint.

Hier das Original-Album in voller Länge:

Black – »Wonderful Life«

Außer Druck

Ich habe mir ein großes Lexikon gekauft.
Gebraucht, denn es ist schon lange nicht mehr in Druck.
In ihm sind alle Filme aufgeführt, die im Verlauf von 50 Jahren erschienen sind.
Die Bücher sind auf dem Stand von vor zwanzig Jahren, und zu dieser Zeit sind sie auch gedruckt worden.
Sie haben die typische Farbe von alten Büchern angenommen, sind nachgedunkelt, wie man so sagt, eher braun als creme.
Ansonsten sind die Bücher sehr gut erhalten, es scheint, als wären sie kaum gelesen oder benutzt worden.
Ich vermute, dass ich selbst sie auch kaum benutzen werde.
Die meisten Filme sind es nicht wert, angeschaut zu werden – und noch weniger, in Erinnerung zu bleiben.
Die wenigen, die mir etwas bedeuten, sind mir bekannt – und es bedürfte keiner Lexika, sie für mich präsent zu halten.
Ich habe das Lexikon also wohl nicht für mich gekauft, sondern dafür, es anderen zur Verfügung zu stellen.
Wie ein Angebot, das man in Anspruch nehmen kann – oder darauf verzichten.
Ein Angebot, um etwas nachzuschlagen – oder auf etwas aufmerksam zu werden.
Jetzt werde ich erst einmal einen Platz finden müssen, damit es diesen dann auch einnehmen kann.
Im Moment liegen die Bücher, zehn an der Zahl, noch auf zwei Stapeln neben meinem Arbeitsplatz herum.
So nehme ich manchmal eines davon auf und blättere darin.
Zuweilen finde ich einen mir bekannten Film oder einen, an den ich mich aufgrund der Beschreibung wieder erinnern kann.
Insgesamt aber bin ich eher überrascht, wie viel ich nicht weiß und von wie vielem ich noch nie gehört habe in meinem Leben.
Jetzt darüber zu lesen, gibt mir die Gewissheit, es auch gar nicht wissen zu müssen.
Über den Vorbesitzer der Bücher habe ich auch ein wenig erfahren.
Er hat etwas in den Büchern hinterlassen und sie auf seine Art genutzt.
In allen Bänden – ich habe sie extra daraufhin untersucht – waren zwischen mehreren Seiten vierblättrige Kleeblätter eingelegt.
Offenbar hat er diese darin gesammelt.
Echter Klee, nicht der, den man für gewöhnlich zu Silvester verschenkt.
Gut getrocknet inzwischen und wahrscheinlich schon lange vergessen.
Ich habe ihn hervorgeholt und alle Blätter nebeneinander gelegt.
Obwohl sie einander sehr ähnlich sind, ist doch keines dem anderen gleich.
Unter echtem Klee sind vierblättrige Blätter tatsächlich eher selten zu finden.
Dafür braucht es Glück, weshalb vierblättriger Klee auch als Glücksbringer gilt.
Nehme ich jeden der so vorgefundenen nun als einen solchen, so kann ich wohl allem gelassen entgegenblicken.
Das Glück scheint zu mir zu kommen und bei mir bleiben zu wollen.
Manchmal muss ich dafür eben ein Lexikon kaufen.
Ohne die Gründe dafür zu kennen.

(Henning Sabo)

In der Weite des Himmels

In der Weite des Himmels
Das Grau und das Blau,
Das Schwarz und das Weiß,
All die Farben, all die Nuancen,
All das Durchringen und Überdecken,
All das Leuchten, all die Schatten,
Diese Helle der Tage
Wie auch das Dunkel der Nacht.

Und so auch die Wolken,
Das Spiel ihrer Formen,
Das Erscheinen, das Verschwinden
Von Figuren und Gestalten,
Von Gesichtern und Geschichten,
All dies Ineinander-Übergehen,
Auseinander-Hervortreten,
Dieses Sichwandeln im Nichtbeständigen.

Und diese Bleibe der Leere,
Dieses bloße Gewahren,
Dieses spiegelnde Schauen
In der Weite des Himmels,
In der Weite des Himmels,
Die so friedlich und still.

(Henning Sabo)

Vor meinem Glas

Erst war der Tee zu heiß –
Ich konnte ihn nicht trinken.
Dann war er schon zu kalt –
Er wollte mir nicht schmecken.

So war ich schon dabei,
Mir einen neuen zu kochen –
Als mich auf einmal überfiel
Ein unbändiges Lieben zum Leben.

So setzte ich mich vor mein Glas
Und weinte vor Glück.

(Henning Sabo)
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