Fallen

Kann ja nicht fallen
Aus dem Vollkommen.

Kann ja nur fallen
Aus Vorgestelltem,
Aus dem Geglaubten,
Verwehrten, Ersehnten,
Dem Interpretierten,
Behaupteten, Verleugneten.

Kann es nicht finden
In all dem Perfekten,
Geschützten, Erhobenen,
Nicht im Getrennten,
Versüßten, Gereinigten.

Kann es nicht finden
In Zeiten noch Orten,
Nicht im Werden,
Nicht im Erreichten.

Kann es nur fassen
Im Augenblicklichen,
Im Gehenlassen.

Kann ja nicht fallen
Aus dem Vollkommen.

Kann ja nicht fallen.

(Henning Sabo)

Nur

Ist alles
Nur so, wie es ist,
In genau diesem Augenblick.

Nur das Vermeinen
Lässt es erscheinen
Als Entsprechen, als Verfehlen,
Als Gut oder Schlecht.

Nichts ist wahr,
Nichts bewahrt
In all den Bezügen,
Wir halten’s nur fest.

Ist alles
Nur so, wie es ist,
In genau diesem Augenblick.

(Henning Sabo)

In Gefahren

Ich brauche ja nicht wirklich eine Erinnerung, aber so manches Erlebnis rückt es noch tiefer ins Bewusstsein.

Letzten Samstag, auf dem Weg, meine Mutter zu besuchen, hörte ich auf einmal ein lautes Krachen. Ich sah nach vorne und gerade noch einen Kleinwagen vom Haus – es war das, in dem meine Mutter wohnt – und vom Bürgersteig zurückprallen, der Stoßfänger war abgebrochen, Teile der Fallröhren lagen auf dem Boden, eine dicke, runde Gummidichtung rollte mir auf dem Weg entgegen …

Ich hob sie auf beim Näherkommen, während die Fahrerin, die ausgestiegen war, den Stoßfänger von der Straße klaubte und in ihrem ansonsten wohl unversehrten Auto verstaute.

Sie erklärte mir, dass die Pflanze, die sie auf den Beifahrersitz gestellt hatte, plötzlich umgefallen wäre und sie so die Kontrolle über den Wagen verloren hätte. Ich sagte ihr, wo sie umdrehen und zurück zum Parkplatz für Heimbesucher gelangen könne. Dort wartete ich auf sie, begleitete sie nach innen, und wir sprachen eine Pflegerin an, sie zur Verwaltung zu bringen, um den Schaden aufzunehmen.

Wäre ich zum Zeitpunkt der Kollision dreißig Meter weiter vorne gewesen, ich hätte wohl keine Chance gehabt, ihr zu entgehen. Zwei gebrochene Beine wären wohl das Mindeste gewesen, was ich »davongetragen« hätte.

(Henning Sabo)

Im schlichten Gewahren

Die Bewegungen der Planeten,
Der Wechsel von Tagen und Nächten,
Das Verebben, das Fluten,
Die Folge der Jahreszeiten,
Des Herzens Schlagen,
Das Ein- und das Ausatmen,
Das Kommen und Gehen,
Das Fallen, das Heben,
Die Freuden, die Schmerzen,
Das Schweigen, das Sprechen,
All dieses Leben!

Das All, diese Weite,
Das Nichts und die Leere,
Das Wahre, die Stille,
Das Sein in sich selbst.

Die Freude, die reine,
Im schlichten Gewahren
Des einen Moments.

(Henning Sabo)

Ein Identisches

Das, was ist,
Wie das, was nicht ist,
Ist ein Identisches.
Es ist.

Doch des Menschen ist es,
Das, was identisch ist,
Wahrzunehmen und wirken zu meinen
Als ein Verschiedenes.

Sodann das, was scheinbar verschieden ist,
Anzunehmen als ein Geschiedenes,
Wie schließlich das, was scheinbar geschieden ist,
Anzusehen als einander Entgegnendes.

Sodass es scheint, dass sowohl gilt,
Dass A nicht identisch mit B
Und B ungleich A ist,
Und sich ebenso behaupten lässt,
Dass A in Konkurrenz zu B
Und B in Gegensatz zu A stehen muss.

So macht er sich glauben,
A würde B permanent bedrohen
Und B müsse A präventiv bekämpfen.

Solches wird immer wieder dazu führen,
Allem und jedem
Feindschaft zu unterstellen
Und jeden scheinbar Anderen
Als potenziellen Gegner
Eines scheinbar Eigenen abzuwehren.

So erwächst dem Ganzen das Getrennte,
Dem Einzigen das Ungeeinte,
Dem Solidarischen das Spaltende
Und dem Verbundenen das Verfeindete.

Darin glaubt sich der Mensch
Verloren, vereinsamt und fremd,
Ein Vereinzeltes, das weder sich
Noch das Bewahrte des Wahren erkennt.

Das, was ist,
Wie das, was nicht ist,
Ist ein Identisches.
Es ist.

(Henning Sabo)

Joscho Stephan – Konzert 2017

Der Link zum Sonntag:

Letzte Woche Samstag war ich hier in der (meistens nur noch für »musikalische Andachten« genutzten) Gottesacker-Kirche zu einem Konzert unserer lokalen – Erfurt, Bad Langensalza – Zigeuner-Jazz-Band »Brise Manouche«, die zusammen mit Joscho Stephan spielte. Letzterer, mir bis dahin nicht bekannt, sollte eine ziemliche Berühmtheit in der Szene sein, aber dass er als einer der weltbesten Gypsy-Swing-Gitarristen gilt, wusste ich da noch nicht.

Nun, er war wirklich fantastisch, ein unglaublich virtuoser und variantenreicher Spieler, trotz seiner vielen »Ausflüge« niemals den Swing und den Kontakt zum Rhythmus verlierend, von großem Spielwitz wie auch Witz im Spiel – auch bei seinen launigen Moderationen zwischen den Musik-Stücken.

Einen guten Eindruck von all dem bekommt man bei dieser Live-Aufnahme von 2017, entstanden beim »Djangofest Northwest« 2017 in Langley (Washington, USA):

Joscho Stephan – Konzert 2017

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